Zuckermonster

Hilfe für Zuckersüchtige.

Zuckersucht?

Im Nachhinein gesehen, kommt es mir vor, als ob ich mich damals wie ein Junkie gefühlt habe. Immer wieder kreisten meine Gedanken ums Essen. Immer brauchte ich noch etwas Süßes hinterher, zwischendurch, nachmittags oder spätabends. Eigentlich hatte ich ständig Lust darauf, noch etwas zu essen. Ich war einfach nicht zufrieden, nicht mal direkt nach einer Mahlzeit.

Ich war machtlos, und je mehr ich versuchte mich zu mäßigen, desto größer wurde das Verlangen. Gleichzeitig nervte mich diese Ohnmacht und ich träumte davon, ich würde endlich keinen Appetit, keine Lust mehr auf Süßes haben. Zeit meines Lebens wünschte ich mir, ich würde irgendwann einmal soviel Schokolade und Kuchen essen, dass mir richtig übel würde und ich danach ein für alle mal geheilt wäre. Das ist nie passiert.

Wieso war das so?
Ich denke, es lag an mehreren Faktoren zu denen ich später noch schreiben werde, aber Zucker war meiner Meinung nach der größte Übeltäter. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte folgendes: Zucker ist eine Droge, die süchtig macht.

Stille. – möglicherweise hören einige genau jetzt auf zu lesen.

 

OK, begeben wir uns jetzt mal auf dieses etwas gefährlichere Terrain. Ich weiß, viele halten diese Behauptung für übertrieben. Und sicher ist die Mehrheit auch nicht darin interessiert, Zucker offiziell als Droge zu bezeichnen – weder die Lebensmittelindustrie, die mit der Sucht viel Geld verdient, noch die Abhängigen selber – aber es gibt viele Anzeichen dafür, dass Zucker als Suchtmittel betrachtet werden kann.

Schauen wir uns doch mal die klassischen Anzeichen einer Sucht an: (1) Starker Wunsch und Zwang die Droge zu konsumieren, (2) Kontrollverlust, (3) Abstinenzunfähigkeit, (4) Toleranzbildung und (5) Entzugserscheinungen. Ein weitere Punkt ist der (6) Rückzug aus dem sozialen Leben. Diesen letzten Punkt können wir – meiner Meinung nach – für den Zuckerkonsum ausklammern, da er gesellschaftliche vollständig akzeptiert und integriert ist. Niemand muss Zucker im geheimen konsumieren und die Beschaffung der Droge ist ebenfalls sehr einfach.

Es verhält sich in diesem Falle kurioser Weise anders herum. Derjenige, der aus der Sucht aussteigen will, geht die Gefahr ein, sein soziales Leben einschränken zu müssen, da er überall in Versuchung geführt wird. Er muss sich mit den vielen Zuckeressern auseinandersetzen, die die Droge verharmlosen: „Ein bisschen schadet nicht!“ bis zu „Zucker braucht der Mensch!“ Zucker ist allgegenwärtig, und mit der Teilnahme am sozialen Leben begegnen wir vielen Zuckerfallen und Versuchungen. Man muss sich sogar für seinen Verzicht rechtfertigen, denn viele Zuckeresser spielen ihre Sucht oft herunter und wollen die Folgen, die mit der Droge in Verbindung stehen, nicht wahrhaben: „Ach, so schlimm ist der Zucker doch gar nicht!“ und „Ganz ohne geht doch nicht!“ bis zu: „Wir brauchen doch Zucker!

(1) Starker Wunsch und Zwang die Droge zu konsumieren: Fast jeder ist sich zwar im Klaren, dass zu viel Zucker ungesund ist, aber ganz damit aufhören erscheint vielen unvorstellbar. Fast immer, wenn das Gespräch darauf gebracht wird, dass ich keinen Zucker mehr esse, kommt die Antwort: „Ist ja bestimmt gut, aber ich könnte das nicht!“ Und wer kennt nicht das sogenannte „Craving“ oder den von der Werbung geprägten „Jieper“ nach Süßem am Nachmittag oder nach dem Essen?  Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie schwierig es war, dieses Verlangen zu übergehen oder abzustellen. Trotz aller Versuche und Alternativen (Obst, Nüsse, Trockenfrüchte, etc.) landete ich später dann doch bei Schokolade und Kuchen. Dieses Verlangen führt sehr schnell zum (2) Kontrollverlust gegenüber süßen Leckereien. Kaum wird uns eine Schale mit Keksen vor die Nase gestellt, greift man automatisch danach. Es verlangt schon eine Menge Willenskraft, über einen längeren Zeitraum keinen Keks zu nehmen. Wir können dann meist nicht frei entscheiden, ob wir die Droge im Moment wirklich zu uns nehmen möchten oder nicht. Es ist wie ein Automatismus, das Zuckermonster ruft und wir geben ihm seine Nahrung.  Der Jieper erinnert uns mit seiner Unruhe regelmäßig daran, dass es Zeit für Nachschub ist. Liefern wir den nicht, kommt es zu dieser anfänglichen (5) Entzugserscheinung. Die (3) Abstinenzunfähigkeit ist somit schon erreicht, da ein Abstellen dieser Nervosität sehr einfach ist. Nachschub ist überall und jederzeit erhältlich und leider stiegt der Konsum mit der Zeit, da sich der Körper daran gewöhnt und mehr will (4) Toleranzbildung.

Die deutlichsten Zeichen sind jedoch die schon erwähnten Entzugserscheinungen (5):
Habt ihr schon mal ausprobiert eine Weile vollständig auf Zucker zu verzichten? Nicht nur den Streuzucker im Kaffee und auf den Erdbeeren, und nicht nur alle Naschereien, Kuchen und Kekse, sondern auch den versteckten Zucker in Cornflakes, Marmelade, Brot, Joghurt, Fruchtsäften, Pizza, Nudelsaucen und Ketchup? (Manchmal versteckt sich der Zucker sogar in der Zutatenliste und heißt dann zum Beispiel Glucose, Karamell, Saccharose oder Rübensirup.) Nein? Dann nur Mut! Danach sprechen wir noch einmal über das Thema „Entzugserscheinungen“ – die ja zweifelsohne meine Vermutung eine Sucht bestätigen würden, oder?

Für diejenigen, die es jetzt schon wissen wollen, kann ich aus Erfahrung sprechen: Es ist unwahrscheinlich, dass man sich auf Zuckerentzug nicht verändert. Vermutlich werdet ihr die ersten Tage sehr gereizt sein. Die Konzentrationsfähigkeit wird nachlassen und das Gefühl, dass ein Stück Schokolade oder Kuchen die Welt ganz schnell wieder in Ordnung bringen würde, wird allgegenwärtig sein. Das N*tella Glas in der Küche wird rufen und verlangen, mit einem Löffel geleert zu werden und die Schokostreusel in der Backschublade, die zwar schon seit 2 Jahren abgelaufen sind, schmecken bestimmt noch. Und wenn nicht, dann wenigstens die Rosinen daneben! (Keine Angst, für diese Zeit gibt es kleine Tipps, die es erträglicher machen. Ruft mich um Hilfe!)

Ein paar Tage wird das so gehen, bis sich der Körper langsam beruhigt und sich von einer besseren Seite zeigt. Viele schnuppern in dieser Phase das erste mal, wie gut sich ein Leben ohne Zucker anfühlen könnte. So lange, bis die Zügel wieder etwas lockerer gehalten werden und das erste Stück Kuchen den Weg in den Bauch findet. Dann geht der Entzug aufs neue los.

„So what? Dann ist es halt eine Sucht! Was ist so schlimm daran, noch eine weitere zu haben? Kaffee und Tabak bin ich doch eh schon verfallen!“

Stimmt! Natürlich kann man es so sehen!
Ich sehe es aber anders: Zum einen ist der industrielle, isolierte Zucker mitschuldig an vielen Krankheiten, Unpässlichkeiten und Verstimmungen. Er ist beteiligt an einer riesigen Summe Krankenkosten, die unsere Gemeinschaft tragen muss. Zuckerkonsum macht meiner Meinung nach krank.

Zum anderen – ein mir viel wichtigeres Thema – macht uns eine Sucht zu einer Art Marionette. Wir handeln in Abhängigkeit einer Droge und sind nicht wirklich frei, die Entscheidung zu treffen, die zu dem Zeitpunkt richtig für uns wäre. Ich denke, dass wir tief in uns drin alle Entscheidungen ganz einfach treffen könnten, aber leider ist bei den meisten die Verbindung zu dieser inneren Wahrheit irgendwie gestört. Ich bin der Meinung, dass es sehr wichtig ist, zumindest in Momenten von weitreichenden Entscheidungen möglichst nahe bei sich zu sein, um seine eigenen Bedürfnisse zu spüren und sie nicht zu übergehen. Ich will euch ein Beispiel nennen, das das deutlicher erklärt. Es ist wie wenn ihr zum Beispiel unfrei von Angst euern Urlaubt plant und aus diesem Grund auf bestimmte verlockende Unternehmungen verzichtet, da sie möglicherweise Gefahren birgen. Die Angst wird euch in dem Fall weismachen, dass eure Entscheidungen richtig sind, auch wenn sie gegen euer Innerstes sprechen. Ohne diese aufgestülpte Angst könntet ihr in euch spüren und frei entscheiden, was ihr wirklich wollt. Vielleicht bringt der gefürchtete Bungee-Sprung die entscheidende Lebensveränderung mit sich?

Dieses Beispiel ist natürlich grundlegender, als die Entscheidung über den nächsten Schoko-Riegel, aber es zeigt das System ganz gut. Ohne Zuckersucht können wir frei entscheiden, was wir essen wollen. Unser Körper kann uns endlich frei zeigen, was wir brauchen um zufrieden zu sein. Wir reagieren nicht mehr auf die Sucht, sind nicht mehr auf die Droge fixiert und können unseren Wahrnehmungsbereich etwas verändern.

Klar, Zuckerfreiheit ist nur ein kleiner Teil auf dem Weg zu uns selbst, aber es ist einer der einfacheren und ich bin froh, dass ich es ausprobiert habe.

Wenn ihr auch so ein Verlangen nach Süßkram habt, dass dem oben beschriebenen Verhalten ähnelt, oder wenn ihr ebenfalls ein Zuckermonster beherbergt, dann kann ich euch nur ermutigen, auch einmal für ein paar Tage auf jeden Zucker zu verzichten.

Es würde mich freuen, wenn ihr mir eure Erfahrungen schreiben könntet. Meint ihr auch, dass es sich um eine Sucht handelt? Liege ich damit völlig falsch? Habt ihr bereits einmal eine zeitlang mal auf Zucker verzichtet?

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6 Kommentare

  1. Ein Grund für Zuckersucht kann auch darin liegen, dass unsere Lebensmittel kaum mehr Bitterstoffe enthalten. Früher bekamen wir noch ausreichend davon in z.B. Tomaten, Chicoree, Gemüse etc. Das ist heute alles weg.

    Meine Vermutung ist, dass Bitterstoffe eine Art Gegengewicht zum Zucker bilden, die uns in der Balance hält. Ich selber trinke seit meiner Pubertät regelmässig sehr starken schwarzen Tee mit etwas Milch. Die ersten Jahre habe ich den noch gesüsst, aber bald hat er mir nur noch ohne Zucker geschmeckt. Ich vermute durch die regelmässige Zuführung von Bitterstoffen im schwarzen Tee habe ich keinerlei Verlangen nach Zucker, im Gegenteil finde gesüsste Speisen eher abstossend.

    In der Apotheke soll es Bitterstoffe in Tropfenform geben. Ich habe schon gehört, dass solche Tropfen einen ganz schnell vom Zucker entwöhnen können. Einfach mal ausprobieren oder auf Zufuhr von Nährstoffen achten, die noch natürlich bitter sind. Good Luck !

    • Hallo und danke für den interessanten Kommentar!

      Ich halte Bitterstoffe auch für sehr hilfreich. Sie unterstützen unser komplettes System, nur leider sind sie in vielen Lebensmitteln nicht mehr enthalten. Oft wurden sie einfach weggezüchtet, da uns bitter meist am wenigsten schmeckt.

      Bitterstoffe in Tropfen- oder Tabelettenform hab ich noch nicht probiert, aber Löwenzahnwurzelkaffee trinken find ich zum Beispiel eine tolle Möglichkeit: http://zuckermonster.com/loewenzahnwurzel-kaffee/

  2. Hallo, ich bin durch Zufall auf deine Seite kommen und finde mich in diesem Beitrag genau wieder und ich glaube auch das du mit deiner These Recht hast. Ich habe noch einen langen Weg vor mir, aber ich arbeite daran.

    • Hallo!
      So weit ist der Weg gar nicht! 🙂
      Wenn du morgen anfangen würdest, wärst du in spätestens 2 Wochen schon über den Berg! Du musst nur ein paar Tricks kennen: Extrem nährstoffreiches Essen und gleichzeitig ein paar Wochen gar keinen Zucker und besonders keine Fructose. So sind für die meisten nur die ersten paar Tage hart, ab dann geht es aufwärts!

  3. Hallo liebes Zuckermonster,
    ich bin auch “durch Zufall“ auf deine Seite gekommen… obwohl ich nicht an Zufälle glaube… ich bin seit langem “eine Suchende“ – die hier auf deiner Seite fündig wurde… wie gut erkenne ich mich, in deiner Schilderung wieder und wie sehr hat mein eigenes “Zuckermonster“, sich gerade mit “Krallen und Klauen“ dagegen gewehrt… weiterzulesen und Gegenargumente gesucht… und ich bin von Herzen froh, dass ich mich outen kann… ja, ich bin zuckersüchtig! Und ja, ich bin zutiefst unglücklich darüber, aber wie du so schön beschrieben hast, ist es ja gesellschaftlich anerkannt und gewünscht… die Lobby ist groß. Und ich gehe noch weiter: ich wurde mit meinen zaghaften Hilferufen, selbst bei Arzt und bei einem Klinikaufenthalt nicht ernstgenommen… es wurde als übertrieben und “nicht relevant“ abgetan. Jetzt sehe ich endlich eine Möglichkeit, und hoffe dass ich es auch schaffen kann. Vielleicht darf ich dich um Hilfe bitten, wenn ich nicht mehr weiterkomme… mit lieben Grüßen Saboe

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